Fakten & Fazit

Wie verhält sich der Lehrkörper zur technischen Aufrüstung der Schule?

Die Branche, aus der die Lehrlinge kommen, weist eine besondere Dynamik auf, also sind die Lehrenden von je her daran gewöhnt, technische und curriculare Veränderungen mitzutragen. Diese Flexibilität im Lehrkörper machte den großen Schritt zur neuen Schule leichter. Die technische Aufrüstung der Schule im Jahr 2004 wird von einer einzigen direkten Fortbildungsmaßnahme begleitet: eine Einschulung für den Umgang mit dem interaktiven Board. Die Lehrenden greifen zur Selbsthilfe in Form regen Erfahrungsaustausches. Die Tatsache, dass jede Lehrkraft nicht auf einen Gegenstand spezialisiert ist, sondern stets ein Fächerbündel unterrichtet, erleichtert diesen Prozess. Seit der technischen Aufrüstung der Schule wird viel mehr über Unterrichtsmethodik gesprochen, Tipps und Tricks und neue Ideen für Übungen und Aufgabenstellungen werden ausgetauscht. Auf technologischer Seite wird der Erfahrungsaustausch unterstützt durch die Einrichtung eines gemeinsamen Laufwerks, das als Materialbörse fungiert. Das Gefühl der Gemeinsamkeit hat sich, seit dem die Schule Projektschule ist und Vorzeigecharakter hat, verstärkt. Die Motivation der Lehrenden ist spürbar gestiegen, die Notwendigkeit zur Veränderung des eigenen Unterrichtsstils hat das Interesse, sich mit Kolleginnen und Kollegen über didaktisch-pädagogische Fragen auszutauschen, gesteigert.

Entstehen aus der selbstgesteuerten Auseindersetzung mit der Materie neue didaktische Konzepte, die den adäquaten Einsatz moderner Technologie im Unterricht sicher stellen?

Einer der befragten Lehrer ist skeptisch. Er sieht keine Möglichkeit, dass es Fortbildungsprogramme geben könnte, die Berufsschullehrende entsprechend auf den Medieneinsatz vorbereiten. Die Materie, die jede einzelne Lehrkraft an der Berufsschule unterrichtet, ist breit gefächert, ein pädagogisch-didaktisch orientiertes Seminar könnte nicht so vielschichtig gestaltet sein, um Unterrichtsrezepte für all diese Aufgabenbereiche zu bieten.
Dennoch gehen wir davon aus, dass die Entwicklung einer geeigneten Didaktik von inhaltlichen Aspekten weitgehend unabhängig ist. Investitionen in die technische Umrüstung, die Erfindung neuer Lernlandschaften sollten immer auch von den geeigneten didaktisch-pädagogischen Maßnahmen begleitet sein. Die Pädagogik der Zukunft wird sich noch ausführlicher damit beschäftigen müssen, lerntheorethische Ansätze zu entwickeln, die Strategien aufzeigen, wie Ressourcen aus dem Internet in geeigneter Form in das Unterrichtsgeschehen integriert werden können, um insbesondere die Autonomie der Lernenden zu stützen und sie auf das lebenslange Lernen auch außerhalb des Schulkontexts entsprechend vorzubereiten.

Lernerautonomie und neue Medien

Unterricht stellt sich für die Befragten noch immer als ein Prozess dar, bei dem die Lehrkraft im Zentrum steht, das Unterrichtsgeschehen organisiert und somit auch dominiert. Das große Potenzial des Medieneinsatzes liegt aber gerade in der Stärkung der Autonomie des Lernenden, in der Möglichkeit, Selbstbestimmung der Inhalte und Selbstorganisation der Prozesse anzuregen und die Rolle des Lehrenden neu zu definieren. Die Verantwortung für den Lernprozess wird von den Lernenden mit getragen, der Einsatz neuer Kommunikations- und Informationstechnologien erlaubt es den Lehrenden, in den Hintergrund zu treten und in beratender Funktion den Lernprozess zu begleiten. Lernerautonomie als didaktisches Konzept ernst genommen, verändert jede Unterrichtssituation radikal.

Definition des Begriffs „Lernerautonomie“
"In der Lernerautonomie wird davon ausgegangen, daß die Auswahl der Lernziele, der Lerninhalte, der Progression, der Lernmethoden und die Bewertung des Gelernten ganz in die Verantwortung des Lernenden zu stellen sind. Verantwortung für das eigene Lernen entwickelt sich immer dann, wenn sich der Lernende mit den Lerninhalten identifizieren kann, wenn sie etwas für ihn bedeuten, wenn er sie für sein Überleben in der Gesellschaft für unerläßlich hält." Zitiert nach: Wolff, D. (1996). Bilingualer Sachfachunterricht: Versuch einer lernpsychologischen und fachdidaktischen Begründung. Vortrag am 21.11.1996 an der Bergischen Universität Gesamthochschule Wuppertal.
Bergische Universität Gesamthochschule Wuppertal

Fazit

Moderne Technologie verändert die Strategie des Unterrichtens nur punktuell, in dem Maße, wie sie größere Methodenvielfalt und authentischere Unterrichtsmaterialien zulässt. Ohne die geeigneten didaktischen Konzepte bleibt ihr Einsatz allerdings auf halbem Wege. Große Investitionen im technologischen Bereich müssen begleitet sein von intensiver Schulung des Lehrkörpers, um sich voll bezahlt zu machen. Learning on the job, Motivation zum Erfahrungsaustausch innerhalb des Lehrkörpers ist sicher ein gangbarer Weg, aber Impulse von außen, Seminare zu Methodik und Didaktik erweitern das Blickfeld und steigern die Effizienz. Traditioneller Unterricht, der die Möglichkeiten des Medieneinsatzes auf Informationsbeschaffung und Präsentation reduziert, lässt ein großes Potenzial zur Erneuerung der Prozesse, in denen Wissens- und Kompetenzerwerb stattfindet, ungenützt und trägt daher wenig bei zur Autonomie des Lernenden und zur Vorbereitung auf das lebenslange Lernen.